Ausschitt gelesen vom Autor... mp3 ....................................
Martell bei erlesen.TV............................................................
Ausschitt der ersten Lesung mit Musik ...mov.....................

Publikum bei der Lesung in Berlin
Ausschnitte aus dem Roman "unverarschbar" :
1.
„Musik ist die Heilungskraft von dem ganzen Universum!“
Eigentlich ein ganz schön behämmerter Satz, findet Ben. Wenn er es genau nimmt, sogar ein richtig verkehrter – grammatikalisch gesehen –, denn es müßte ja lauten „des ganzen Universums“, aber Ben ist gerade überhaupt nicht in der Stimmung, um klugzuscheißen. Irgendwie mag er diesen Satz. Sehr sogar. Wo sie recht haben, haben sie recht, die post-68er von der Titanic, denn dort hat er ihn irgendwann einmal gelesen. Und für sie hofft er stark, daß sie es nicht ironisch gemeint haben, denn sonst würden sie ordentlich Ärger bekommen, denn Ben ist es bitterernst – mit der Musik.
(Auf den ersten Seiten wird ganz schnell klar, warum Ben, abgesehen von der üblichen Sylvester Depression, allen Grund hat mies drauf zu sein. Dann begleiten wir ihn auf eine Party. Vielleicht kommt er ja hier auf andere Gedanken...)
2.
...
Old Frank hat sich nicht lumpen lassen und für dreißig Personen provenzalische Hähnchenschenkel gezaubert. Ben geniert sich etwas mit seinen mitgebrachten Chipstüten. Egal. Der Champagner tut seine Wirkung, Sprachbarrieren werden eingerissen, die Schenkel schmecken einen Hammer, und schon kommt Ben mit Birte ins Gespräch. Nach seiner Schätzung ist sie Mitte zwanzig, und ihm gefällt besonders an ihr, wie sie ihre langen, blonden Haare mit schmalen Fingern beiläufig aus ihrem Gesicht streicht, während sie mit ihm redet. Ihr hellblauer, irrsinnig flauschig aussehender Pulli, schmiegt sich äußerst ansprechend um ihre BH-losen Brüste. Sie ist, wie Ben gerade erfährt, erst unlängst aus Norddeutschland nach Köln gezogen.
„Köln ist wirklich die einzige echte Alternative zu Berlin“, schreit sie ihm ins Ohr, denn die Musik ist brüllend laut.
„Hamburg vielleicht noch“, sagt er, „aber da ist immer so schlechtes Wetter.“ Keine Frage, Birte kommt extrem geschmeidig rüber, und Ben legt sich für seine Verhältnisse richtig ins Zeug. Bislang war er immer mit Mädchen zusammen, die ihn angemacht oder aufgegabelt haben, und er würde von sich sagen, daß er eigentlich gar keine Ahnung hat, wie man Mädchen klarmacht. Aber in seiner heutigen apokalyptischen Alles-Egal-Stimmung macht er auf Birte einen umwerfend coolen Eindruck, und er merkt und genießt das. Er bekommt richtiggehend gute Laune, wenn da nicht dieser nervige Sound wäre.
„So eine Scheißmusik!“ sagt er zu Birte.
Sie fragt nur: „Welche Musik?“
„Na, was hier gerade so läuft.“
„Hab gar nicht zugehört.“
„Ich muß immer hinhören. Ich kann gar nicht anders.“
„Ist doch egal.“
„Mir nicht! Was hörst du denn gerne für ‘n Sound?“
Birte denkt einen Moment nach. Dabei schaut sie nach oben und preßt ihre Lippen zusammen, wobei auf ihren Wangen zwei bezaubernde Grübchen entstehen. „Ach, alles querbeet.“ Ben denkt bereits: Auweia, das sind mir die liebsten, da gibt sich Birte selbst den Gnadenstoß: „Im Moment hör ich ganz gerne die Best of Modern Talking.“
Danke für dieses Gespräch. Das war’s. Schade, Birte machte bis dahin auf Ben einen ganz vielversprechenden Eindruck. Aber diese Ansage entzieht ihm schlagartig die Basis weiterer Kommunikation. Alle Mädchen, die er bis dahin näher kannte, hatten einen exquisiten Musikgeschmack. Steffi war die härteste Punkrock-Expertin unter der Sonne, und Tine, seine Exfreundin, hatte er auf einem Konzert seiner eigenen Band, den SERVOKINGS, kennengelernt. Es gibt also durchaus Frauen mit passablem Musikgeschmack auf der Welt, denkt er bei sich und murmelt in Birtes Richtung: „Ich kümmer mich jetzt mal um bessere Musik“.
Er läßt sie ratlos zurück und geht ins Wohnzimmer, wo er eine Zeitlang das Treiben auf der durch weggerückte Stühle entstandenen Tanzfläche beobachtet. Eine bunte Mischung verschiedener Spezies bewegt sich auf Socken zu Dr. Motte, denn man war angehalten, sich im Flur die Schuhe auszuziehen. Hemdsärmelige Normalos, die sich ärgern, daß es damals in der Tanzschule noch kein Techno gab, Kinder alleinerziehender Mütter, Kölschrocker und vereinzelt alternativ gewandete Ausdruckstänzer (kaum zu glauben, es gibt sie immer noch!). Ben lehnt im Türrahmen und sieht sich nach dem DJ, respektive den Plattentellern um. Fehlanzeige. Quelle der geschmacklosen Musik ist ein stark nach BWL-Student aussehender junger Mann, der feist auf einem Ledersessel sitzt und mit einem Laptop auf dem Schoß gnadenlos die Top 40 der letzten Jahre rauf- und runternudelt.
Stilloser kann die Welt nicht untergehen, läßt es Ben erschaudern, und er verläßt, einem plötzlichen Impuls folgend, die Party. Im Hausflur sucht er den Sicherungskasten. Mit Umlegen eines einzigen Schalters gehen alle Lichter aus, und das morbide Treiben findet ein jähes Ende. Die gräßliche Musik verstummt, und man hört teils heiter überraschte, teils panische Schreie aus der stockfinsteren Wohnung. Ben muß unwillkürlich an die letzten Minuten der Titanic denken. Irgendwie ist er ein bißchen stolz auf sich und nimmt sich für das anbrechende Jahr nur eines vor:
In Sachen Musik wird er in Zukunft keine Kompromisse mehr machen!
...
(auf der Suche nach dem Gitarristen der Band, die Ben vorhat zu gründen,
durchforstet er den musikalischen Untergrund Kölns und fühlt sich plötzlich als verlängerter Arm der musikalischen Gerechtigkeit...)
4.
...
Die Welt ist schlecht, warum muß das so sein ...! erinnert er sich an einen seiner Texte. Plötzlich betreten die Crazy Lolitas die Bühne. Zunächst verpennt die Frau hinter der Theke, die Kneipenmucke auszumachen. Nach kurzer Verzögerung panzert die Musik von der Bühne los. Gar nicht mal so schlecht, findet Ben. Komisch jedoch, daß sich bislang noch niemand von der Band bewegt. Kommt wahrscheinlich alles von der Minidisc, analysiert er weiter, und da ist er schon mal grundsätzlich fies für. Ben steht halt auf handgemachte, ehrliche Musik. Trotzdem geht er ein paar Schritte näher an die Bühne heran, um zu prüfen, ob Jan nicht zuviel versprochen hat. Und Tatsache: Die Sängerin sieht super aus. Sie hat einen kecken, rötlich schimmernden Pagenkopf und trägt ein knappes weißes T-Shirt, was den Blick auf ihren hübschen, gepierceten Bauchnabel zuläßt. Arschgeweih oder nicht? rätselt Ben. Davon abgesehen kann sie wirklich toll singen, was in einem krassen Gegensatz zu ihrer Performance steht. Sie wirkt extrem unlocker, als habe sie jemand auf der Bühne abgestellt und dort vergessen. Das erste Stück ist zu Ende, und das spärliche Publikum spendet einen ebenso spärlichen Applaus. Es entsteht eine peinliche Pause, denn der Sampler des Keyboarders hat gerade seinen Geist aufgegeben. Die Sängerin, die Susan heißt, wird von der unfreiwilligen Pause böse überrascht. Sie ergreift, dramaturgisch sehr unglücklich, die Gelegenheit, die Band vorzustellen.
„An der Gitarre haben wir den Jörg.“ Vereinzelte Klatscher.
„Am Keyboard ist der Xaver.“ Ungünstigerweise hockt Xaver gerade mit dem Rücken zum Publikum vor einem verwirrenden Kabelhaufen und versucht herauszufinden, was mit der Stromversorgung seines Keyboards los ist. Als er vorgestellt wird, kann man seine Arschritze sehen. Susan fällt langsam nichts mehr ein. Gerade erwähnt sie die in Kürze erscheinende CD ihrer Band, als ein besoffener Zuschauer „Ausziehen!“ brüllt. Ein anderer, weitaus differenzierterer Konzertbesucher schreit: „Hör auf zu labern, sing!“ Ben kann sich diesem Statement nur anschließen und überlegt bereits, was wohl ein probates Mittel wäre, dieser peinlichen Veranstaltung die richtige Wendung zu geben. Sein Blick schweift den engen Gang neben der Theke entlang, an dessen Ende der Mischer hinter sein Pult gequetscht steht. Im Vorbeigehen zieht Ben rasch und unbemerkt ein Kabel vom Mischpult, als sei er David Copperfield und bereitet so dem Ansageelend des Bauchnabelwunders ein schmerzloses Ende. Zunächst spricht Susan weiter, bis sie bemerkt, daß sie vor der Bühne gar nicht mehr zu hören ist. Verstört klopft sie auf ihr Mikro und fuchtelt hektisch mit den Armen, um dem Mischer zu bedeuten, daß er doch bitte schnell irgend etwas unternehmen soll. Dieser nestelt ratlos an seinen Knöpfen und geht schließlich um sein Pult herum, um zu gucken, was da los ist. Ben nutzt die Gelegenheit und reißt unbemerkt den Regler des Gesangskanals voll auf. Noch auf der Treppe hört er, daß sein Plan aufgeht: Als der Tontechniker das lose Kabel findet und wieder einsteckt, gibt es eine brüllend laute Rückkopplung, einen irrsinnig hohen, bestialisch schrillen Ton, so daß die Sängerin halb taub und der Bedarf des Publikums an Live-Musik zumindest an diesem Abend schlagartig gedeckt ist. Strafe muß sein, denkt Ben und geht raus auf die Straße.
...