
Video: Martell über sein neues Buch und Lesung einer Szene auf erlesen.tv
Ausschnitt aus dem Roman "Zu Gast im eigenen Leben" :
Eigentlich gibt es im Moment für Ben nur zwei lebbare Varianten: Tine muss raus aus seinem Kopf oder wieder rein in sein Leben.
Lange konnte und wollte er sich nicht entscheiden, war gelähmt durch dieses gedankliche Patt. Von allein wird sie nicht verschwinden aus meinem Herzen, denkt er, ich muss ein bisschen nachhelfen.
Er wünscht sich insgeheim, Tine könnte hören, was ihn in solchen Momenten umtreibt. Wenn sie ihn doch leiden sehen, seinen Schmerz fühlen könnte! Aber wie soll er sich ihr mitteilen, wohin soll er einen Brief oder eine CD schicken? Er weiß nicht einmal, in welches Land sie verschwunden ist, nachdem sie ihn letztes Jahr verlassen, ihr Studium (der Rechtswissenschaften) abgebrochen und unter ihr bisheriges Leben einen Schlussstrich gezogen hat. Eine Art Flaschenpost könnte er entsenden. Sie würde schon bei ihr ankommen, dessen ist sich Ben sicher, er glaubt an solche Sachen. Was, wenn er eine Videobotschaft ins ewige Meer der Daten schmeißen würde? Tine wird sich bestimmt nicht dauerhaft mitten im Urwald aufhalten, abgeschnitten von jeglicher Zivilisation. Ben kramt seine Kamera aus dem Schrank. Das letzte Mal, als er sie benutzt hat, war beim Videodreh der SERVOKINGS, wo sie auf der Deutzer Kirmes ein bisschen Jahrmarktatmosphäre einfangen wollten – bunte, sich drehende Lichter im herbstlichen Nebel. Ach nein, stimmt nicht. Da war noch die kleine Reise mit Tine im Sommer darauf, ein Wochenendausflug ins Elsass. Sie, die Haare hochgesteckt, als rasende Reporterin im Schatten alter Bäume einer Allee vor einem Holzkreuz am Straßenrand, daran gelehnt ein frischer Kranz Blumen.
Tine mit ernster Stimme: „... und hier, an dieser Stelle, ereignete sich letzten Dienstag der tragische Unfall. Also, liebe Zuschauer, Finger weg vom Alkohol.“
Während die Kamera auf ihr Gesicht zoomt, muss Tine lachen, winkt mit beiden Armen durchs Bild und schreit aufgeregt: „Das ist makaber, lösch das, hörst du? Lösch das bitte sofort.“
Was Ben natürlich nicht getan hat. All das kommt ihm gerade in den Sinn, während er die Kamera auf ein Stativ schraubt.
Nach einem prüfenden Blick in die spiegelnde Fensterscheibe räuspert er sich und blickt in die Kamera:
„Tine, die Erste: Liebe Tine, wo immer du jetzt bist. Ich hoffe, es geht dir gut. Ich vermisse dich ganz ... sehr, ähhhh, ich ... Komm zu mir zurück, ... bitte. Ich liebe dich ...“
Ach du Scheiße, ist das kitschig, denkt er, also noch mal neu.
„Tine, die Zweite: Hallo Tine, ich habe nachgedacht. Also, dich von mir zu trennen, das war vollkommen in Ordnung, ich meine, jeder kann ja machen, was er will, und du wolltest eben ... äh, also ich finde das gut, na, gut nicht, halt verständlich, aber überleg’s dir doch noch mal, ich meine, sieh’s doch mal so ...“
Stopp, aus, so wird das nie was. Vielleicht sollte er zwischendurch mal einen Schluck Bier trinken ...
„Tine, die Zehnte: Echt Tine, mir reicht’s, ich finde es unverschämt, sich einfach so zu verpissen. So langsam mache ich mir wirklich Sorgen. Ich denke jeden Tag an dich, und mich macht das echt ... wütend, Mann ich bin echt sauer auf dich, einfach so abzuhauen, Scheiße, warum? ... War das nichts, was wir hatten? Was soll die Scheiße, wie egoistisch das ist, Wahnsinn, ich lie..., ich HASSEEEEEEE DICH ...“
Nach einem halben Dutzend weiterer Versuche spult Ben das Band zurück und drückt auf Aufnahme. Die nächste halbe Stunde zeichnet die Kamera ein unverändertes Bild auf: Ben sitzt unbeweglich auf einem Stuhl, sein Gesicht in die Hände gestützt. Stille, nur ein paar Raumgeräusche, ab und zu das Knacken der Heizungsrohre, von draußen leises Tropfen aus einer lecken Dachrinne...
Ausschnitt aus dem Roman "unverarschbar" :
Old Frank hat sich nicht lumpen lassen und für dreißig Personen provenzalische Hähnchenschenkel gezaubert. Ben geniert sich etwas mit seinen mitgebrachten Chipstüten. Egal. Der Champagner tut seine Wirkung, Sprachbarrieren werden eingerissen, die Schenkel schmecken einen Hammer, und schon kommt Ben mit Birte ins Gespräch. Nach seiner Schätzung ist sie Mitte zwanzig, und ihm gefällt besonders an ihr, wie sie ihre langen, blonden Haare mit schmalen Fingern beiläufig aus ihrem Gesicht streicht, während sie mit ihm redet. Ihr hellblauer, irrsinnig flauschig aussehender Pulli, schmiegt sich äußerst ansprechend um ihre BH-losen Brüste. Sie ist, wie Ben gerade erfährt, erst unlängst aus Norddeutschland nach Köln gezogen.
„Köln ist wirklich die einzige echte Alternative zu Berlin“, schreit sie ihm ins Ohr, denn die Musik ist brüllend laut.
„Hamburg vielleicht noch“, sagt er, „aber da ist immer so schlechtes Wetter.“ Keine Frage, Birte kommt extrem geschmeidig rüber, und Ben legt sich für seine Verhältnisse richtig ins Zeug. Bislang war er immer mit Mädchen zusammen, die ihn angemacht oder aufgegabelt haben, und er würde von sich sagen, daß er eigentlich gar keine Ahnung hat, wie man Mädchen klarmacht. Aber in seiner heutigen apokalyptischen Alles-Egal-Stimmung macht er auf Birte einen umwerfend coolen Eindruck, und er merkt und genießt das. Er bekommt richtiggehend gute Laune, wenn da nicht dieser nervige Sound wäre.
„So eine Scheißmusik!“ sagt er zu Birte.
Sie fragt nur: „Welche Musik?“
„Na, was hier gerade so läuft.“
„Hab gar nicht zugehört.“
„Ich muß immer hinhören. Ich kann gar nicht anders.“
„Ist doch egal.“
„Mir nicht! Was hörst du denn gerne für ‘n Sound?“
Birte denkt einen Moment nach. Dabei schaut sie nach oben und preßt ihre Lippen zusammen, wobei auf ihren Wangen zwei bezaubernde Grübchen entstehen. „Ach, alles querbeet.“ Ben denkt bereits: Auweia, das sind mir die liebsten, da gibt sich Birte selbst den Gnadenstoß: „Im Moment hör ich ganz gerne die Best of Modern Talking.“
Danke für dieses Gespräch. Das war’s. Schade, Birte machte bis dahin auf Ben einen ganz vielversprechenden Eindruck. Aber diese Ansage entzieht ihm schlagartig die Basis weiterer Kommunikation. Alle Mädchen, die er bis dahin näher kannte, hatten einen exquisiten Musikgeschmack. Steffi war die härteste Punkrock-Expertin unter der Sonne, und Tine, seine Exfreundin, hatte er auf einem Konzert seiner eigenen Band, den SERVOKINGS, kennengelernt. Es gibt also durchaus Frauen mit passablem Musikgeschmack auf der Welt, denkt er bei sich und murmelt in Birtes Richtung: „Ich kümmer mich jetzt mal um bessere Musik“.
Er läßt sie ratlos zurück und geht ins Wohnzimmer, wo er eine Zeitlang das Treiben auf der durch weggerückte Stühle entstandenen Tanzfläche beobachtet. Eine bunte Mischung verschiedener Spezies bewegt sich auf Socken zu Dr. Motte, denn man war angehalten, sich im Flur die Schuhe auszuziehen. Hemdsärmelige Normalos, die sich ärgern, daß es damals in der Tanzschule noch kein Techno gab, Kinder alleinerziehender Mütter, Kölschrocker und vereinzelt alternativ gewandete Ausdruckstänzer (kaum zu glauben, es gibt sie immer noch!). Ben lehnt im Türrahmen und sieht sich nach dem DJ, respektive den Plattentellern um. Fehlanzeige. Quelle der geschmacklosen Musik ist ein stark nach BWL-Student aussehender junger Mann, der feist auf einem Ledersessel sitzt und mit einem Laptop auf dem Schoß gnadenlos die Top 40 der letzten Jahre rauf- und runternudelt.
Stilloser kann die Welt nicht untergehen, läßt es Ben erschaudern, und er verläßt, einem plötzlichen Impuls folgend, die Party. Im Hausflur sucht er den Sicherungskasten. Mit Umlegen eines einzigen Schalters gehen alle Lichter aus, und das morbide Treiben findet ein jähes Ende. Die gräßliche Musik verstummt, und man hört teils heiter überraschte, teils panische Schreie aus der stockfinsteren Wohnung. Ben muß unwillkürlich an die letzten Minuten der Titanic denken. Irgendwie ist er ein bißchen stolz auf sich und nimmt sich für das anbrechende Jahr nur eines vor:
In Sachen Musik wird er in Zukunft keine Kompromisse mehr machen!